Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.
(Monatslosung Juni Hebr. 13, 2)

„Wie könnt Ihr Geld verlangen, wenn jemand Euch die Ehre antut, in Eurem Hause einkehren zu wollen?“ So verständnislos für unser europäisches Hotelwesen lässt Karl May den kleinen Mann mit dem langen Namen fragen, Hadschi Halef Omar ben Hadschi Abul Abbas ibn Hadschi Dawud al Gossara. Und dem Romanhelden Kara ben Nemsi fällt dazu keine angemessene Antwort ein angesichts der überwältigenden Gastfreundschaft, die er im Orient erfährt.
Sollte die Gastfreundschaft ein Relikt bleiben aus einer vergangenen Zeit, als die Christen noch eine Minderheit im Untergrund waren? Wir tun uns ja heute schwer, fremde Menschen ins Haus zu lassen. Wer sind die, was wollen die? Wir sind ja auch durch schlechte Erfahrungen oder zumindest durch schlimme Nachrichten vorsichtig, ja misstrauisch geworden und lassen nur die Menschen in die Wohnung, die wir gut zu kennen meinen, denen wir vertrauen.
Die Missionare aller Zeiten haben davon gelebt, dass es Menschen gab, die nicht so waren. Ob Paulus auf seinen Reisen oder die späteren Apostel Christi, sie fanden immer mal wieder freundliche Aufnahme bei völlig fremden Menschen. Das geschah meist nicht mal aus moralischen Verpflichtungen, sondern aus blanker Neugier. Gäste bereichern unser Leben, unser Wissen, unser Denken. Und manchmal bringen sie Licht in die absolute Dunkelheit. Viele Gemeinden der Urchristenheit wurden gegründet, weil jemand wie die Lydia oder Aquila und Priska den Paulus gastlich aufnahmen. Und kein Haus, das den Aposteln offenstand, blieb ohne Segen. Gottes Wort wäre nicht auf alle Kontinente gekommen, wenn nicht Menschen dort den geheimnisvollen, mitunter unheimlichen Fremden aus Europa Obdach gewährt hätten, trotz ihrer langen Nasen, hellen oder rotverbrannten Haut und ihren glatten, hellen Haaren, mit ihrer komischen Kleidung und seltsamen Geräten.
Wir werden es nicht erkennen, wenn ein Engel vor unserer Tür steht. Wir wissen nicht, in welcher Gestalt Jesus auf unsere Barmherzigkeit wartet. Wir wissen nur: Die größte Sünde ist das Gute, das wir verweigert haben. Und wir wissen auch, dass wir schon viele Gäste hatten, als Gemeinde und als Familien, aber auch als Volk und Land, ohne deren Besuch unser Leben ärmer geblieben wäre. Wer weiß, vielleicht waren auch Engel darunter?

Viele himmlische Begegnungen wünscht
Ihr/Euer Pfarrer Volker Burkart