Kar-Woche

Viele Menschen können offensichtlich das Osterfest nicht abwarten: Die Woche vor Ostern wird oft schon als die Osterwoche bezeichnet. Viele Bundesländer haben dann schon Osterferien, überall wird der Osterschmuck aufgetragen: Die herrlichen Osterbrunnen, mit Eiern behängte Sträucher in Vorgärten und Zweige auf den Wohnzimmertischen. Aber es ist noch nicht Osterwoche; es ist Kar-Woche!
Als Kar bezeichnet der Geologe die von Gletschern zurückgelassenen, mit Geröll gefüllten Mulden und Hänge. Gar kein so schlechtes Bild: Dort gibt es nämlich nicht allzu viel zu sehen, es scheint dort nichts zu leben. Ebenso wenig können die meisten Menschen anfangen mit dem Karfreitag, erst recht mit dem Karsamstag. Es ist nichts los! Das Lexikon sagt, unter Karfreitag sei der „stille Freitag“ zu verstehen, und es überrascht mich mit der Bemerkung, das sei in der evangelischen Kirche der höchste Feiertag. Hallo, wann war der Autor zuletzt am Karfreitag in einer evangelischen Kirche?
Die biblische Erzählung vom Karfreitag ist schwer zu ertragen; eine Geschichte von unversöhnlichem Hass gegen einen Friedensbringer, von Verrat und Verleugnung, und von einem grausamen, qualvollen Tod, wie ihn sonst nur politische Aufrührer, notorisch entlaufene Sklaven und Schwerstverbrecher erleiden mussten. Die Kreuzigung war mehr Folter als Hinrichtung. Der Anblick des Gekreuzigten ist schwer zu ertragen, noch schlimmer die Erkenntnis: „Ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.“ (EG 81, 3)
Viele Menschen wollen das auch nicht mehr ertragen. In Österreich wird der Karfreitag als gesetzlicher Feiertag abgeschafft. In Deutschland klagen immer mehr Menschen über oder auch juristisch gegen die verordnete Ruhe am Karfreitag und am Karsamstag. Die Kirche ist mal wieder der große Spaßverderber, der den Menschen das laute Vergnügen missgönnt und sie zu einer Stille verdammt, die sie nicht mehr ertragen wollen.
Pardon? Diese Welt verdammt uns ständig, ihren Lärm zu ertragen, diese ständige akustische Umweltverschmutzung! Ich habe ja nichts gegen eine lautstarke Fröhlichkeit, auch nicht gegen ein weithin hörbares Open-Air-Konzert. Aber irgendwann ist es zu viel!
Diese Dauer-Beschallung aus allgegenwärtigen Lautsprechern, die nie verstummt. Ich sehne mich nach Stille, die keinen Geräuschpegel braucht als das Plätschern von Wellen und das Rauschen von Blättern, den Gesang von Vögeln. Nur in dieser Stille können wir unsere innere Stimme hören. Und nur im Schweigen können wir das Geheimnis der Liebe Gottes ahnen, die uns das Liebste schenkt: Jesus Christus. Bitte, lasst uns nur an diesen beiden Tagen, am Freitag, wenn wir vor dem Leid Jesu und dem Leid der ganzen Welt verstummen, und am Samstag, wenn wir am Tag der Grabesruhe den Gedanken aushalten wollen, wie es ohne Jesus wäre, diese kurze Zeit der Stille. Wir brauchen die Stille der Karwoche, um Luft zu holen für den Osterjubel.

Eine gesegnete stille Zeit vor Ostern, und einen anhaltenden Jubel danach wünscht
Ihr/Euer Pfarrer Volker Burkart