Wachet!

Mit diesem Ruf schließt Jesus seine Endzeitrede nach dem Markusevangelium. Das ganze 13. Kapitel ist dieser Rede gewidmet, bevor Markus die Passionsgeschichte erzählt. Vor dieser ganzen Leidensgeschichte, einer Geschichte voller Intrige, Bosheit, Verrat und Verzweiflung, sagt Jesus seinen Freunden immer wieder dieses eine Wort: „Wachet!“
Wache zu halten gehört zu den militärischen Aufgaben. Römische Legionäre wurden mit Peitschenschlägen bestraft, wenn sie auf Wache schliefen, denn sie riskierten das Leben ihrer Kameraden. Während sie das Herannahen von Feinden befürchteten, dienten die Türme und Zäune an der innerdeutschen Grenze eher dem Zweck, dass nicht die eigenen Bürger das Gelobte Land verließen. Aber auch heute beäugen sich benachbarte Staaten argwöhnisch durch Ferngläser, Satellitenkameras und Abhöranlagen. Wer wacht, fühlt sich bedroht!
Jesus weiß um eine andere Bedrohung: Es ist die Schläfrigkeit, die einen entscheidenden Augenblick verpassen wird. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ So hat es Michael Gorbatschow den ostdeutschen Genossen ins Stammbuch geschrieben, die am liebsten das ewige Gestern bewahren wollten, mit Bespitzelung und Einschüchterung. Sie haben es verpasst und sind mit Recht nun Geschichte.
Wachet! Jesus spricht in seiner Endzeitrede nicht von seinem irdischen Ende, sondern vom Ende der Welt und seinem Wiederkommen. Seine Freunde sollen es nicht verpassen, wenn Alles sich verändern muss. Jesus spricht von Zeiten großer Not und Angst, die es bis dahin geben wird. Aber die Geschichte der Kirche hat gezeigt, dass nicht die Notzeiten die große Gefahr der Schläfrigkeit mit sich brachten; es waren eher die guten Zeiten, die fetten Jahre, die schön geregelten Verhältnisse, das bequeme Leben, als die Kirche schläfrig wurde und die Zeit zu verpassen drohte.
Es ist noch nicht die ganz große Not für unsere Kirche. Kleine Nöte haben wir freilich genug: Die Kirche schrumpft. Wir sind erheblich weniger geworden. Viele Menschen tragen Sorge, wie es weitergehen soll mit unseren Gemeinden. Unsere katholischen Geschwister haben schon keinen eigenen Pfarrer mehr. In der evangelischen Kirche stehen sämtliche Stellen auf dem Prüfstand, besonders wenn sie einmal unbesetzt sind. Auch uns hat es schon getroffen, dass nicht mehr alle Kindergruppen in der gewohnten Weise fortgeführt werden können. Außerdem kann eine Stelle in unserer Kanzlei nicht mehr besetzt werden. Das wird zu Einschränkungen in unserem Dienst führen.
Wachet! Und betet! Die große Gefahr ist vielleicht, dass wir ängstlich nur auf das schauen, was wir erhalten wollen. Dass wir nur das erhalten wollen, was es schon gibt, und darüber die aus den Augen verlieren, die Jesus noch durch uns gewinnen will. Und eine zweite Gefahr ist, dass wir beginnen zu streiten um vermeintliche Rechte und Ansprüche, und dass ein weiterer Riss durch unsere Kirche geht. Jesu Gebot ist, dass wir beieinander bleiben sollen, dass wir Eins sind in IHM.

Möge in diesem März nicht nur der Frühling erwachen, sondern die ganze Kirche.
Ihr/ Euer Pfarrer Volker Burkart