Spaziergang durch Dresden

Hin und wieder habe ich die Gelegenheit, durch unsere schöne Landes-Hauptstadt zu gehen. Als ich zum ersten Mal dort war, das war 1991, bot das Zentrum noch ein trauriges Bild: Zwar waren der Zwinger und die Semperoper schon zu DDR-Zeiten wieder aufgebaut worden, aber der Sandstein der Hofkirche gegenüber war schwarz vom Umweltschmutz, das Schloss stand nur als Rest von dem ganzen ursprünglichen Ensemble noch da, die Frauenkirche ragte als Ruine aus einem Haufen Steine in den Himmel. Und der Rest der Stadt sah noch wirklich heruntergekommen aus.
Was für ein Schmuckstück ist die Stadt jetzt! Eine liebens- und lebenswerte Stadt, voller Kultur und meist voller Touristen aus aller Welt. Auch wenn ich den Wiederaufbau der Frauenkirche eher kritisch gesehen habe, muss ich zugeben, dass sie nun das unbestrittene Zentrum einer wunderschönen Altstadt ist; ohne sie hätte Dresden einen wichtigen Anziehungspunkt weniger. Sie war über lange Jahrzehnte ein stummer, aber wichtiger Aufschrei gegen den Wahnsinn des Krieges. Nun ist sie ein Mahnmal der Versöhnung. Das Kreuz auf ihrer hohen Kuppel ist eine Gabe aus der englischen Stadt Coventry, die ihrerseits durch deutsche Angriffe zerstört worden war. Das barbarische und heillose Geschrei nach Rache hatte beide Städte, Coventry und Dresden, in Schutt und Asche gelegt und zahllose Menschenleben gekostet. Nach dem Krieg, und das ist nun 75 Jahre her, ist ein Wunder geschehen: Die Menschen der ehemals verfeindeten Länder haben sich gegenseitig wieder neu entdeckt als Opfer, als gemeinsam Leidende und Trauernde, und der Bischof von Coventry hat wohl den ersten Schritt getan und hat die Hand zur Versöhnung gereicht. Schließlich haben beide Städte sich gegenseitig geholfen bei dem Wiederaufbau ihrer schönsten Kirchen, der Kathedrale von Coventry und der Frauenkirche in Dresden.
75 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges freue ich mich an einer schönen Stadt und ich habe einen großen Wunsch. Möge das Versprechen unserer Vorfahren nach zwei Kriegen nie gebrochen werden, als sie schworen: „Nie wieder Krieg!“ Es macht mir große Sorge, wenn in aller Welt immer wieder Konflikte aufflammen und mit Waffen ausgetragen werden. Viele Menschen haben in den letzten Jahren in unserem Land Zuflucht gesucht, weil ihr Leben bedroht ist, und es ist kein Ende abzusehen. Ich denke an meine Kinder und Enkel, wie ihr Leben wohl sein wird, und hoffe immer, dass sie niemals in Gewalt verwickelt werden.
Deutschland hat Wunder erlebt: Nach zwei Kriegen war Versöhnung möglich. Nach 40 Jahren Trennung wurden wir wieder eins. Wir sind damit ein Hoffnungszeichen vieler Menschen in anderen Ländern. Wir haben allen Grund zur Dankbarkeit. Aber wir haben damit auch ein Erbe, das uns verpflichtet, es sorgsam zu bewahren!

Ihr/ Euer Pfarrer Volker Burkart