Von Sachsen nach Indien

Vor 300 Jahren am 23. Februar starb im indischen Tranquebar der deutsche Missionar Bartholomäus Ziegenbalg, erst 36 Jahre alt. Sein Weg hatte ihn vom sächsischen Pulsnitz nach Halle geführt, wo er bei August Herrmann Francke Schüler war. Francke gilt als einer der Begründer und Wegbereiter der modernen Diakonie, und er lehrte immer die Aufmerksamkeit für die Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens standen. Weil Ziegenbalg auch Religionskundler und Sprachforscher mit einer außergewöhnlichen Sprachbegabung war, zog es ihn nach Indien, wo er 1706 mit dem Schiff im tamilischen Tranquebar landete. Schon bald beherrschte er die tamilische Sprache wie seine Muttersprache, und er war ein hervorragender Kenner der hinduistischen Glaubens- und Vorstellungswelt. Das erlaubte ihm, eine eigene Bibelübersetzung ins tamilische zu beginnen, die er leider nicht vollenden konnte.
Geradezu bahnbrechend war seine Erkenntnis, dass die Gründung und Leitung der jungen christlichen Kirche im Missionsland auf Dauer nicht durch Missionare aus Europa erfolgen kann, wie das damals zumeist noch üblich war. Das hatte leider oft zur Folge, dass mit dem Tode oder der Heimreise eines begnadeten Missionars auch sein Werk bald niederging, oder es kam mit dem Abschütteln der kolonialen Besetzung auch zu einer Abkehr vom christlichen Glauben. Man darf die Kraft einer jahrhundertealten Naturreligion nicht unterschätzen. Und nicht selten haben die Missionare auch den Interessen der Kolonialmächte und ihrer Handelsgesellschaften gedient, weil sie auch deren Hilfe gern in Anspruch nahmen.
Anders Bartholomäus Ziegenbalg; er forderte schon nach einem Jahr der Arbeit in Indien, dass man einheimische Menschen ausbilden und ins Amt ordinieren solle. Ziegenbalg förderte, wie sein Mentor Francke, die Schulbildung, verfasste selbst eine Grammatik und ein Wörterbuch für das Tamilische. Er sah die Eingeborenen nicht als primitive Untermenschen, denen wir erst mal Glauben und Kultur beibringen müssten, sondern als Partner und als Gotteskinder.
Wir werden nicht nach Indien oder in andere exotische Länder reisen und dort missionieren. Aber eines können wir von Bartholomäus Ziegenbalg lernen: Die Menschen nicht nur belehren, sondern ihnen erst einmal gründlich zuhören! Ihre Sprache verstehen und sprechen. Ihr Denken begreifen.
In unserem Land wird zu viel aneinander vorbei geredet. Auch unsere Kirche leidet unter der Unfähigkeit, zuzuhören und zu verstehen. Es ist schreckliche Mode geworden, sich gegenseitig niederzuschreien und die Anderen nicht zu Wort kommen zu lassen. Unser Streiten ist manchmal unvermeidlich, wenn es um die Wahrheit geht oder um die Zukunft der nachfolgenden Generationen. Aber Streit muss, besonders in Kirche und Gemeinde, nicht bloß der Sache dienen, es muss auch der Liebe Jesu gemäß sein. Aber in vielen Fällen ist es besser, andere Lebens-, Glaubens- und Denkweisen einfach mal anzunehmen und auszuhalten.

Ihr/ Euer Pfarrer Volker Burkart