Denken ist lebensgefährlich!

Das kann es sein, wenn Menschen sich eigenständiges Denken erlauben, das zu ihrer Zeit nicht erlaubt ist. Wenn Denk- und Redeverbote herrschen, wenn Dinge nicht mehr gesagt werden dürfen, weil sie denen nicht passen, die das sagen haben, dann kann Denken gegen den Strom gefährlich werden, ja sogar lebensgefährlich.
Vor 75 Jahren, am 22. Februar 1943, starben mit Hans und Sophie Scholl zwei prominente Denker. Diesem jungen Geschwisterpaar wurden die Köpfe abgeschlagen, weil sie begonnen hatten, damit zu denken, selber zu denken und zu beurteilen, Schlüsse zu ziehen, dass sie jetzt handeln mussten. Dabei waren sie zunächst begeistert von den damals noch jungen Ideen der Nazis, die den Aufbruch versprachen in einen ganz neue Zeit, Chancen für junge, tüchtige Leute in ihren Jugendorganisationen, im Beruf und beim Militär. Raus aus der verstaubten Kaiserzeit, raus aus der festgefahrenen Weimarer Republik, mit Tatkraft und dem „Triumph des Willens“ (Das war später der Titel eines propagandistischen Films von Leni Riefenstahl). Solche Ideen können junge Leute begeistern! Doch dann wurden Bücher verboten und verbrannt, die Hans und Sophie Scholl gelesen und geschätzt hatten: Thomas Mann, Erich Kästner und viele andere. Und da fragt man sich doch: Moment mal, was ist denn an diesen Büchern und ihren Autoren so schlimm, dass wir sie nicht mehr lesen sollen? Und dann wendeten sich die neuen Machthaber, die erst so freundlich getan hatten mit den Kirchen, auf einmal auch gegen sie; kritische Kirchenmänner wurden eingesperrt und umgebracht, statt dessen war die Religion des kriegerischen Germanentums beliebt. Passte halt besser in die Kriegstreiberei, zu Aufmärschen und Weltherrschaftsträumen.
Hans und Sophie Scholl und ihre Freunde, allesamt tief gläubige Christen, organisierten sich in der „Weißen Rose“, die im Untergrund gegen Kriegshetze und Rassenhass mit Flugblättern agierte. Dabei wurden sie erwischt und verraten. Nach einem inszenierten Schauprozess wurde beschlossen: Die müssen sterben! Eigenständiges Denken sollte im Keim erstickt werden.
Lasst euch das eigene Denken nicht verbieten; lasst nicht Andere für euch denken und rennt ihnen kritiklos nach! Besonders dann, wenn das Denken, das uns leitet, das Wort der Bibel und die Überzeugung des Glaubens, nicht mehr gelten sollen, dann müssen alle Alarmglocken läuten! Wenn Menschlichkeit und Nächstenliebe geringer gelten als Gewinn und Macht, dann stimmt etwas nicht. Wenn nicht mehr richtig sein soll, was 2000 Jahre lang gut war, dann sind die neuen Wahrheiten mit Vorsicht zu genießen. Wenn Menschen abgestempelt werden als gemeingefährlich und nicht mehr des Lebens wert, dann ruft uns Jesus: Steh auf und erhebe deine Stimme! Schweige nicht zum Unrecht! Lass keinen Menschen im Stich!
Vor 75 Jahren starben zwei junge Menschen (neben vielen anderen), weil so viele Menschen sich hatten blenden lassen, und weil noch viel mehr einfach lieber schwiegen.
Viel Mut zum eigenen Denken und auch zum Widersprechen wünscht uns allen

Ihr/Euer Pfarrer Volker Burkart