„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“

So sagt es Jesus nach Lukas 6, 36. Das wird uns als Jahreslosung durch dieses Jahr begleiten. „Barmherzigkeit“, so ein altmodisches Wort. Ist die Barmherzigkeit vielleicht ausgewandert in uralte kirchliche Gemäuer? Manchmal scheint es so! Nur selten berührt die Not anderer Menschen noch die Herzen. Sicherlich tut es vielen Menschen leid, wenn sie Andere sehen, die in Zelten und Blechhütten überwintern müssen, oder auch die Bilder von unterernährten kleinen Kindern, von Leprakranken oder Blinden, rühren doch manches Herz. Und natürlich erschrecken uns derzeit immer wieder die Bilder von Menschen, die an Beatmungsgeräten um ihr Leben ringen. Aber schon die nachfolgenden Appelle an die Vernunft, Solidarität und Hilfsbereitschaft verhallen schnell wieder, wenn es gegen eigene Interessen geht. Was gegen die Fluchtursachen getan wird, für ein menschenwürdiges Leben in allen Ländern, zum Schutz der Umwelt und des Klimas, gegen Hunger und Krankheit, gegen Armut und auch gegen die Pandemie, das bleibt dann doch oft bei Lippenbekenntnissen, bei zaghaften und halbherzigen Schrittchen und dem entschiedenen Engagement von zu wenigen Entschlossenen. Die bekommen vielleicht mal eine Auszeichnung, ein Lob, sogar einen Preis. Viele andere Menschen ringen sich einen Seufzer ab, wie schlimm es doch in der Welt aussieht, etliche finden die Schuld dafür bei irgendwem, einige spenden einen Betrag und manche sagen: „Ich kann es nicht ändern.“
Was meint Jesus mit Barmherzigkeit? Er hat es klar erläutert, etwa mit der wundervollen Geschichte vom Samariter. Vor allen Dingen hat Jesus sie aber gelebt, die Barmherzigkeit. Oft erzählen die Evangelien: „Es jammerte ihn.“ Die Not von Menschen hat ihn im tiefsten Herzen berührt, so tief, dass er nicht anders konnte als ihnen zu helfen. So hat er ihnen zu Essen gegeben, hat geheilt, hat Gespräche geführt mit denen, die sonst niemand gehört und wahrgenommen hat. Nichts konnte ihn davon abhalten, keine ansteckende Krankheit, keine noch so große Schuld, keine niedrige und keine hohe Stellung. Nicht einmal die Feindschaft gegen ihn selber hat ihn gehindert. Er hat mit seinen Gegnern gesprochen und für seine Ankläger, Richter und Henker gebetet. Und diese Barmherzigkeit Jesu will uns anstecken.
Kein Mensch in seiner Not kann uns egal sein. Sicher, nicht Allen können wir helfen. Aber wenn wir alle uns nur einer einzigen Not annehmen, mit Liebe und mit vollem Einsatz, dann wird die Not viel weniger. Ob Hungerhilfe oder Kinderdorf, Ärzte ohne Grenzen oder Diakonie, Mission, Umweltschutz oder Rettung Schiffbrüchiger, Nachbarschaftshilfe oder Gebetskreis, Nachhilfe für lernschwache Kinder, Besuch im Gefängnis, im Krankenhaus oder Seniorenheim, Versöhnungs- und Friedensarbeit; es gibt so unzählig viele Möglichkeiten, weil es so unzählig viel Not und Leid gibt. Doch für jedes Leid hat Gott eine Lösung. Und eine Lösung für ein Problem sind Du und ich.
Rufen wir doch ein Jahr der Barmherzigkeit aus!

Einen hoffnungsvollen Beginn und ein gesegnetes Jahr 2021 wünscht
Ihr/ Euer Pfarrer Volker Burkart